Bezirksverband Wedding der Kleingärtner e. V.

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Verfasst am 02.09.2019 um 09:40 Uhr

Obst teilen statt wegwerfen   

von Dr. Wolfgang Krüger   

In meiner Kindheit wurde eine große Gartenernte als Segen empfunden. Die Äpfel und Birnen lagerten dann im Keller und es wurde tagelang eingekocht. Doch inzwischen fühlen sich viele von reichen Ernten überfordert. Manchmal sieht man daher Kleingärten, in denen das heruntergefallene Obst vor sich hingammelt. Und in den Laubsäcken der BSR findet man oft große Mengen an Obst, das auf diese Weise entsorgt wird. Angesichts der Tatsache, dass fast ein Drittel aller Nahrungsmittel in Deutschland verderben, sollten wir einen guten und verantwortungsbewussten Umgang mit dem Überfluss an Obst finden. Dies ist auch deshalb wichtig, weil die Ernteerträge der Landwirtschaft sinken, so dass die innerstädtische Versorgung mit Lebensmitteln immer wichtiger wird.


Erntezeit strecken

Am sinnvollsten ist es natürlich, wenn bereits bei der Anlage des Gartens darauf geachtet wird, dass sich die Erntezeit streckt. Es gibt frühe und späte Obstsorten, so dass man monatelang den Erntesegen genießt. Doch wenn man den Garten seit Jahrzehnten pflegt oder ihn neu übernommen hat, muss man andere Lösungen für das Problem finden. Dann stellt sich zunächst die Frage, wie man das Obst verarbeiten oder haltbar machen kann. Beliebt sind Marmeladen und Chutneys, vieles kann eingefroren werden. Ganz köstlich sind auch Obstliköre, bei denen Sauerkirschen und Pflaumen in Whisky oder Rum einige Monate reifen. Wir haben für unseren Verein vor einigen Jahren einen Dörrautomaten angeschafft, mit dem wir reihum getrocknete Apfelschnitten und Dörrpflaumen herstellen. Aus dem Gartenfreund erfahren Sie, wann die Bezirksverbände Seminare zur Früchteverarbeitung und Obstweinbereitung anbieten.


Teilen - Food sharing

Doch wenn riesige Apfel- oder Kirschbäume reif werden, wirkt vor allem das nachbarschaftliche Prinzip des Teilens. Das Tauschprinzip „Ich gebe dir Äpfel und bekomme Zucchini“ ist die unkomplizierteste und schnellste Möglichkeit, große Obstmengen zu verteilen. Dies hilft auch, wenn man
verreist ist. Einige Gartennachbarn geben mir die Schlüssel, damit ich das Obst aufsammeln und weiterreichen kann. Außerdem ist es sehr leicht möglich, kostenlose Anzeigen bei Ebay oder bei Nachbarn.de aufzugeben. Dort findet man regelmäßig Suchanfragen: „Hat jemand Obst und Gemüse zu verschenken? Zum Selbstpflücken?“


Sehr interessant ist auch das jährliche Berliner „foodsharing Festival“, das sich mit der Lebensmittelverschwendung beschäftigt. Dort werden Seminare und Koch-Workshops veranstaltet. Jederzeit kann man auch seine Ernteüberschüsse anbieten. Einfacher ist es allerdings, wenn man in einer Kleingartenanlage einen zentralen Geschenktisch einrichtet. Wir haben vor zwei Jahren einen solchen Tisch am Vereinshaus fest installiert, auf dem unsere Gartenfreunde Gemüse, Blumen, Kräuter und Obst ablegen. Selten liegt es dort länger als einige Stunden. Dieser Tisch ist bekannt, weil er Bestandteil unseres OfA-Projekts ist.


Alle Besucher können pfücken

„Obst für Alle“ heißt unsere Initiative, bei der wir inzwischen neun Obstbäume und über 150 Sträucher gepflanzt haben. Alle Besucher unserer Kolonie können das reife Obst pflücken, was wir unter anderem auch in den Berliner Zeitungen bekannt gemacht haben. Wir verstehen uns als Bürgerpark, und nicht zuletzt mit unserem Obst leisten wir einen Beitrag, um unsere grünen Paradiese zu sichern.


Wichtig ist uns aber auch unsere Kooperation mit Einrichtungen für Kinder. Für sie bieten wir im Sommer regelmäßig Garten-Workshops an: „Das Erlebnis, direkt vom Strauch oder Baum zu ernten, die Lebensmittel zu verarbeiten und gemeinsam aufzuessen, ist für die Kinder ein besonders sinnliches Erlebnis“, sagt die Künstlerin Bärbel Rothhaar, die seit Jahren mit Kitas und Schulen zusammenarbeitet.


Zumeist ist es vermutlich ein „Organisationsproblem“ für den einzelnen Gartenfreund, überschüssige Ernte abzugeben. Es wäre daher schön, wenn sich Vorstände und Mitgliederversammlungen mit dem Thema beschäftigen könnten, um gemeinsam Lösungen zu entwickeln, damit wir Lebensmittel nicht mehr wegwerfen.

Dr. Wolfgang Krüger
Vorstandsmitglied in der Kolonie Habsburg Gaußstrasse. Seine Erfahrungen als Laubenpieper hat er in dem Buch „Tomaten, Nachbarn, Gartenzwerge“ beschrieben.



Dieser Beitrag ist als Editorial der September-Ausgabe 2019 der Verbandszeitschrift 'Berliner Gartenfreund' erschienen und mit freundlicher Genehmigung des Verlags W. Wächter auch hier.